Ein Interview mit Michael Diehl. Teil 2: Der Fotograf als Motivator und Führungskraft

Im ersten Teil meines Interviews mit dem Radiosender DIE NEUE 107.7 habe ich ja bereits einige Anekdoten darüber preisgegeben, welche Abenteuer ein Fotoshooting im Freien mit sich bringt. Im zweiten Teil erfahrt ihr nun, worauf man als Fotograf alles achten muss, wenn man gemeinsam mit einem ganzen Team die perfekte Aufnahme umsetzen möchte.

Es zeigt sich ja deutlich, dass die Möglichkeiten ein Shooting zu gestalten – die nötige Kreativität vorausgesetzt – für Dich quasi unendlich sind. Das ist bei den Budgets und den Kraftreserven der anderen Beteiligten ja eher nicht der Fall. Und das Sonnenlicht ist ja, insbesondere in unseren Breitengraden, auch ein rar gesätes Gut. Wie schaffst Du es zu erkennen, wann Deine Arbeit bei einem Shooting abgeschlossen ist?
Ein perfektes Foto kann es nie geben, und wenn man zu sehr danach strebt, kann das Deine Erwartungshaltung überfrachten. Man wird dann unzufrieden. Dass Unzufriedenheit als wichtige Motivationsquelle gilt, davon halte ich nicht viel. Nie zufrieden heißt, Dir jede Befriedigung zu verbieten. Wenn ich dann 10 Minuten nach der Produktion schon wieder daran denke, was ich hätte vielleicht doch noch anders oder besser machen können – nein! Genießen, sich freuen und mit dem momentanen Status, der von allen erarbeitet wurde, auch glücklich zu sein, das ist wichtig.
Auch wenn der Job stressig und hektisch ist, ganz im Gegensatz zu dem leider immer noch allgegenwärtigen Klischeedenken zum Berufsleben eines Fotografen: man muss stets gelassen und flexibel bleiben. Wer Ruhe bewahrt und sein Bestes gibt, weiß am Ende, dass man in der kurzen Zeit, die man hatte, das bestmögliche Foto gemacht hat.

Ich sehe, Deine Arbeit bedarf einer gewissenhaften Vorbereitung, eines flexiblen Improvisationstalents und manchmal auch etwas Nervenstärke. Was muss aus Deiner Sicht ein Fotograf sonst noch mitbringen, um dauerhaft erfolgreich zu sein?
Für gute Aufnahmen muss man als Fotograf vor allem schnell eine gute Beziehung zum Model, als auch zum gesamten gebuchten Team, mitsamt Werbeagentur und/oder Kunden aufbauen. Man braucht eigentlich etwas Entertainerqualitäten, um sofort eine lockere Atmosphäre zu schaffen. Eine gute Menschenführung eben. Ich bin von Natur aus sehr direkt, natürlich, lustig und immer gut gelaunt. Ich kann sehr gerne über kleine „Zwischenfälle“ lachen und bin selbstbewusst genug, um mich auch mal selbst auf den Arm, wenn ich z.B. mal wieder meine Kamera irgendwo hingelegt habe und kurzfristig gerade nicht mehr weiß wohin ;-).

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Wie sorgt Du dafür, dass diese positive Stim
mung im Team auch erhalten bleibt, wenn es bei Shooting auch mal länger dauert oder Schwierigkeiten auftreten?
Für mich gilt immer: Nur als gesamtes Team kommt man erfolgreich zum erwünschten Ziel, da ist keiner großartig besser oder wichtiger als der andere. Erst recht nicht bei mir, wenn die Cateringfirma ´nen schlechten Kaffee dabei hat. Ich kann ja vieles überstehen, aber schlechten Kaffee?! Oder wenn die Wursthäppchen nur lieblos, ohne Butter, belegt sind. Keine Katastrophe, klar, aber eben auch ein Hinweis darauf, welchen Dingen keine Bedeutung beigemessen wird. Dabei fängt da die Wichtigkeit schon an und hört noch lange nicht auf. Und wenn man diese Verantwortung für das Ganze übernimmt und nach außen vermittelt, tut es dem Zusammenhalt im Team auch keinen Abbruch, wenn man mal etwas länger am perfekten Ergebnis feilen muss.

Hast du ein bestimmtes Motto oder eine Maxime für Deine Arbeit?
„Die Blumen der Sieger gehören in viele Vasen“ (Michael Schumacher): weil hier die Grundhaltung formuliert wird, dass Du nur als Team erfolgreich sein kannst – eben sogar als Einzelsportler, wie Schumacher. Dass es Dir gelingen muss, Dein Team in den Vordergrund zu stellen, auch gedanklich. Das bedeutet, dass Du Dich als Person nicht so wichtig nehmen solltest. Ich lebe schließlich davon, dass alle „funktionieren“: vom Model, Hair & Make-up, Styling, Assistenten über die Bügelfrau bis hin zur Cateringfirma. Auch CD, Werbeagentur und ja, letztendlich der Kunde selbst. Nur dann werden wir – gemeinsam – erfolgreich sein. Es geht darum, das übliche Denken umzudrehen: Nicht ich bin wichtig und wegen mir funktioniert´s, sondern alle, die dabei sind, sind wichtig. Und gerade wegen all jener funktioniert´s.

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Mehr „wir“, weniger Ego. Ist das aus Deiner Sicht der Weg für eine sinnvolle Zusammenarbeit im Team?
Nach meinen Erfahrungen geht Erfolg genau so. Das individuelle Ziel hinter das gemeinsame Ziel zu stellen ist ein Grundsatz meines Handelns. So selbstverständlich das klingt, so schwierig ist es: Jeder Einzelne des Teams muss diesen Prozess gedanklich durchmachen. Nur wenn jeder das eigene Ego immer hinter das Gemeinsame stellen kann, haben wir Erfolg und der Kunde wird es merken. Stellt nur einer sein Ego über das Gesamte, kann das die Balance empfindlich stören.
Auch da gibt es aber schmale Pfade und ich möchte dazu gerne ein Zitat von Jürgen Klopp in Sachen Fußball nennen, welches sich ausgezeichnet auch auf ein Fototeam anwenden lässt. Klopp sagte einmal: „Ich weiß nicht, wie gut ein Spieler sein muss, dass ich akzeptieren kann, dass er ein Arschloch ist.“

Das klingt jetzt ein wenig so, als hättest Du hier auch schon mal negative Erfahrungen gesammelt?
Ich habe bisher, mit ganz wenigen Ausnahmen, immer nur ein Team um mich gehabt, welches auch wirklich als Team funktioniert hat. In denen der Einzelne nicht über dem Kollektiv stand. Mein System einer Produktion ist auch nicht darauf ausgelegt, dass ich ein zur Realisation eines Fotoshootings benötigtes Teammitglied mit einem zu großen Ego akzeptieren könnte. Man sollte nicht vergessen: Fast jeder ist heute in unsere Branche ersetzbar. Auch ich. Also mache ich mein Ding in meiner Denkweise so gut ich es kann und wie ich davon überzeugt bin.
Als Führungsperson, und in dieser Rolle rutscht Du als Verantwortlicher für das Shooting automatisch rein, bist Du Vorbild. Ob Du nun willst oder nicht. Disziplin vorleben ist immer eine Frage der Glaubwürdigkeit. Wasser predigen und Wein trinken wird langfristig nicht funktionieren, auch nicht in anderen Bereichen des Lebens. Es hat mich schon als Kind gestört, wenn mir jemand was angeordnet, aber selbst nicht danach gehandelt hat. Wer professionelles Verhalten von anderen verlangt, muss selbst professionell sein.

Hier endet Teil 2 meines Interviews. Im abschließenden letzten Part erfahrt ihr dann noch, wie ich eigentlich zur Fotografie gekommen bin und welche Hindernisse ich auf diesem Weg überwinden musste.

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